Rezension zu: Flashar, Hellmut: HALBES VERGESSEN – SANFTES ERINNERN

Eine umfangreiche Besprechung zur Autobiographie von Hellmut Flashar: Hales Vergessen – Sanftes Erinnern

ist soeben erschienen in: Informationsmittel für Biblioheken

„Wissenschaftsgeschichtlich sind Autobiographien von Gelehrten oft sehr aufschlußreich. Auch wenn ihr Quellenwert naturgemäß nicht unproblematisch ist, stellen sie doch oft wertvolle Ergänzungen zu anderen Darstellungen dar und bieten Einblicke in die jeweiligen Fachgeschichten, die sich anders so nicht erlangen ließen. Für die Philologien als Geisteswissenschaften ist es besonders interessant, den Lebenswegen ihrer Vertreter zu folgen, seinen diese nun männlichen oder weiblichen Geschlechts. So liegen etwa selbstbiographische Lebensläufe von Romanisten inzw ischen in mehreren Bänden vor.Einer gewissen Beliebtheit erfreuen sich auch autobiographische Gesprächsbände, von denen für den Bereich derGeisteswissenschaften bzw. der Philosophie exemplarisch auf Robert Spaemanns verwiesen sei.

Hellmut Flashar nun ist Altphilologe und Philosophiehistoriker, dem wir in jüngerer Zeit etwa monographische Darstellungen zu Aristoteles und Hippokrates verdanken, der aber auch als Mitherausgeber eine wichtige Rollebei der Ausgabe der Werke des Aristoteles in deutscher Sprache

sowie beim neuen Ueberweg spielte. Er schildert in seiner autobiographischenSkizze konzise seinen Bildungsweg und seine Karriere, mit den wichtigsten wissenschaftlichen Projekten, und zwar so, daß es nicht langweilig wird, was ja immer eine Gefahr darstellt, wenn Wissenschaftler dazu übergehen, sämtliche Tagungen oder Vorträge zu erwähnen, bei denen sie mit diesem oder jenem zusammengetroffen sind. Flashars Darstellung ist insgesamt unprätentiös und gibt einen guten Einblick in den Wissenschaftsbetrieb seiner Lebenszeit, so daß die gegenüber heute völlig veränderte Situation in der Nachkriegszeit deutlich wird, wo Stellen noch ohne jede Bewerbung vergeben wurden. Flashar schildert seine Kindheit und Jugend während der NS-Zeit, das Studium in Berlin und Tübingen, mit interessanten Einblicken zu Professorenwie Eduard Spranger. In Tübingen lernte Flashar z.B. den späteren Philosophen Klaus Oehler kennen, der Assistent bei Gerhard Krüger war und selbst eine lesenswerte Autobiographie verfaßt hat,die derjenigen von Flashar komplementär zur Seite gestellt werden kann. Das ist deshalb der Fall, weil beide von den damaligen Platonforschungen berichten, an denen sie auch als Mitarbeiter des DFG-finanzierten Platon-Lexikonsbeteiligt waren, das am Schwarzwälder Birklehof angesiedelt war und von dem später berühmt-berüchtigten Georg Picht (Stichwort: Bildungskatastrophe) geleitetwurde. Oehler hatte damals Flashar als Mitarbeiter abgelöst, nachdem die-

ser eine andere Stelle erlangt hatte. Nebenbei weist Flashar darauf hin, daß die Beschreibung des Hauses mit dem Platon-Archiv in Ulrich Raulffs Kreis ohne Meister nicht korrekt sei (S. 81).Wie in autobiographischen Skizzen dieser Art nicht anders zu erwarten, finden sich immer wieder mal interes- sante Anekdoten, so von einer Feier des 60. Geburtstags von Wolfgang Schadewaldt, bei der auch Heidegger zugegen war (S.
105 – 106), oder über den bedeutenden Platon-Forscher Paul Friedländer, für dessen Neuauflage des 2. Bandes seines Platon-Buches Flashar als Korrekturleser tätig war, hier aber auch nicht seine Enttäuschung da
rüber verbirgt, daß friedländer das nicht weiter vermerkte (S. 101 – 103).Flashar wurde bald an die damals frisch gegründete Universität Bochum berufen, an der er lange lehrte, bis er einen Ruf nach München annahm, der nicht zuletzt deshalb attraktiv war, weil die Zahl der Altphilologie-Studenten in Bochum doch erheblich abnahm, vielleicht auch ein Resultat der nordrhein-westfälischen Bildungspolitik, die schon damals nicht den besten Ruf hatte.Flashar fühlt sich, was zweifellos erfreulich ist, immer auch der Lehrerbildung verpflichtet, und er hat sich langjährig in Wissenschaftsorganisationen,

wenn man das so nennen kann, betätigt, indem er z.B. einen Fachverband führte und in der Thyssen-Stiftung mitarbeitete. Dann aber stellt vor allem das griechische Theater einen Schwerpunkt seines Interesses dar, so daß hier immer wieder interessante Projekte zu nennen wären, die Flashar in die Welt des Theaters und der Musik führen. So hat er sich mehrfach darum bemüht, seltene Bühnenmusiken von verschiedenen Komponisten wieder zur Aufführung zu bringen – all das im regen Kontakt mit den Künstlern und  der aktuellen Theaterpraxis, was für einen klassischen Philologen sicher nicht selbstverständlich war. Man kann wohl sagen, daß Flashar hier auch dem Vorbild Wolfgang Schadewaldts folgte, der auch der Vermittlung des altphilologischen Wissens in der Gegenwartskultur große Bedeutung zumaß, wovon nicht zuletzt dessen Übersetzungen klassischer griechischer  Theaterstücke Zeugnis ablegen. Flashar hat sich dan eben auch mit Fragen der Philologiegeschichte beschäftigt, indem er insb esondere Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff als Forschungsgegenstand wählte. Ein weiterer Aspekt, den Flashar interessant schildert, sind die deutsch-deutschen Beziehungen vor und nach dem Fall der Mauer, die jeweils durch die ganz unterschiedliche Rolle der Altphilologie in der Bundesrepublik undi n der DDR geprägt waren. Flashar engagierte sich nach der Wende in Leipzig an der Universität und setzt auch im Ruhestand seine Forschungsarbeit fort, wechselt aber schließlich auch von München wieder nach Bochum, was nicht zuletzt erklärt, warum seine Erinnerungen nun in einem Bochumer Verlag erschienen sind.

Der lesenswerte Band wird abgerundet durch ein Verzeichnis der Schriften (S. 221 – 230), das allerdings keine Rezension, Beiträge in Zeitungen, Begleittexte auf Schallplatten und CDs enthält. Es gibt aber einen guten Überblick über Flashars Forschungen und gliedert sich in 1.Monographien, Abhandlungen, Sammelbände, Festschrift 2. Übersetzungen und Kommentare 3. Beiträge in Zeitschriften und Sammelwerken 4.Biographisches und Nachrufe  5.Tätigkeit als Herausgeber. Eine ebenfalls nützliche Information folgt dann noch, nämlich eine Liste der betreuten (insgesamt 22) Dissertationen, zunächst in Bochum, dann in München.
Till Kinzel

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